Wohnen mit Demenz

Sendung vom: Sonntag, 16. Januar 2011, 19.30 – 20.00 Uhr

Die Pflege alter Menschen auszubauen und zu verbessern hat die Politik als eine der zentralen Aufgaben für die nächsten Jahre erkannt. Dabei scheinen die Probleme riesig: immer mehr Alte, darunter immer mehr Demenzkranke, immer höhere Kosten und immer weniger Pflegefachkräfte. Wie also können Leben und Wohnen im Alter aussehen? welche Alternativen gibt es, vor allem für demente Menschen. Westpol hat eine Wohngemeinschaft besucht, die sich zur Nachahmung empfiehlt.

Christine Barthels ist 77 und lebt seit mehr als zwei Jahren in der Demenz-WG – gemeinsam mit sieben anderen. Wer hier wohnt, muss täglich mit anpacken. Die große Wohnküche ist das Herzstück der Demenz-WG. Außerdem hat jeder Bewohner ein Zimmer mit eigenen Möbeln. Erinnerungen an das Leben vor der Wohngemeinschaft. Für das Ehepaar Warich ist das besonders wichtig. Zeitunglesen – fast wie früher zuhause.

Überzeugt vom WG-Konzept

Eva Schenke schaut mehrmals pro Woche bei ihrer Schwester vorbei. Beide sind vom WG-Konzept überzeugt: „Ich find es hier toll, man hat die Möglichkeit, einfach mal nichts zu sagen…“ Punkt zwölf kommt jeden Tag das Essen auf den Tisch. Das ist den Besohnern wichtig. Sie bestimmen auch, was gekocht wird. Wer hier wohnt, zahlt genauso viel, wie im Heim. Aber hier gibt es immer einen Ansprechpartner: Tagsüber sind für 8 Mieter 2 Alltagsassistentinnen und ein Pfleger da. Nur so kann die WG funktionieren.

Zusammenleben als Experiment

Siegfried Ossau wohnte viele Jahren ganz allein, bevor er hier einzog. Für alle in der Demenz-WG ist klar: Das Zusammenleben hier ist auch immer ein Experiment. Ursula Lukaszyk kam in einem schlechten Zustand in die WG. Alleine hätte sie nicht mehr wohnen können. Hier ist sie wieder auf die Beine gekommen. Die Vögel sind ihr ganzer Stolz. Aber nach fast drei Jahren hat sie nun die Nase voll. Ursula Lukaszyk kann nicht verstehen, dass sie demenzkrank ist. Sie wünscht sich ihr altes Leben zurück, mit eigener Wohnung. Täglich kämpft sie mit dieser Sehnsucht. Alle Bewohner werden auf lange Sicht nie wieder ohne Hilfe leben können. In der Demenz-WG gibt es darum ein besonderes Finanzierungsmodell: alle Gelder werden in einen Topf gepackt: Miete, Wirtschaftsgeld, Zuschüsse der Pflegekasse. So ist es möglich, dass alle die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

Modell der Zukunft

In der WG haben die Bewohner das Sagen. Sie bestimmen, was mit dem monatlichen Wirtschaftgeld von 210 Euro gekauft wird, oder wohin die Ausflüge gehen. Mit dem Team besprechen sie am Ende der Woche den neuen Speiseplan. Für Pflege-Experten ist die Demenz-WG das Modell der Zukunft. Doch so zu wohnen ist nicht für jeden das Richtige. Es sind die kleinen Signale, an denen man merken kann, ob die WG eine echte Alternative zum Heim ist.

Zusatz-Informationen

Heute schon sind 1,2 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, bis 2050 werden es mehr als zwei Millionen sein. Menschen, die an Demenz erkranken sind bis zum Ende ihres Lebens auf Hilfe angewiesen.

Seitdem das Heimgesetz überarbeitet wurde (neues Wohn- und Teilhabegesetz von 2008), ist es leichter Alternativen zum Heim anzubieten. Darum gibt es immer mehr Wohngemeinschaften für Alte und Demenzkranke, sogenannte Alten-WGs. Allerdings bewegen sich die Betreiber solcher Alten-WGs in einer rechtlichen Grauzone, denn es gibt keine staatlich festgelegten Qualitätskriterien.

Vereine, wie „Die Freunde alter Menschen“ kämpfen seit Jahren dafür, dass die Politik hierfür gesetzliche Rahmenbedingungen schafft. Im Moment ist es so, dass staatliche Stellen noch nicht mal von der Existenz einer Alten-WG wissen müssen, denn es gibt auch keine Meldepflicht. Und solange sich keiner beschwert, gibt es auch keine staatlichen Kontrollen, wie etwas vom medizinischen Dienst oder der Heimaufsicht.

Rechtlich unterliegen die Wohngemeinschaften nur dem Mietrecht, den Regelungen für häusliche Pflege und den allgemeinen Verbraucherrechtsbestimmungen. Darum plädieren Pflegeexperten in der jetzigen Situation dafür, dass Angehörige den Betreibern solcher ambulant betreuten Einrichtungen genau auf die Finger schauen.

Link zur Sendung vom 16.01.2011: www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/01/16/westpol-komplett.xml